Homeschooling - Theorie und Praxis

Wenn Lehrkräfte schon überfordert sind, sollte man es besser lassen ...

Nach einem technischen Hilferuf einer befreundeten Mutter habe ich eine digitale Schulstunde (6. Klasse) verfolgt. Mein Fazit: überflüssig, nervig, stressig, sinnlos ...

Während der angesetzten 45 Minuten ging es insgesamt etwa 40 Minuten lang ausschließlich um angebliche technische Probleme, und nur insgesamt etwa 5 Minuten lang mit mehreren Wiederholungen um Lerninhalte, und das in einem Hauptfach! Auf Nachfrage erzählten mir die Mutter und ihre Tochter übereinstimmend, dass fast alle Unterrrichtsstunden etwa so ablaufen würden.

Vielleicht war diese 8. Schulstunde des Tages nicht repräsentativ, aber es war eine! Vermutlich und hoffentlich haben andere Schulen oder andere Lehrkräfte das auch besser im Griff, allerdings wird im Freundeskreis überwiegend über ein vergleichbares Chaos berichtet. Nachfolgend die tatsächlichen Sachverhalte dieser einen Schulstunde im Einzelnen:



Beginn der Schulstunde

Der Lehrer benötigte ab dem offiziellen Beginn der Stunde etwa 10 Minuten, um die Anmeldungen der Schulkinder anzunehmen. Als Entschuldigung gab er an, sein WLAN hätte nicht funktioniert. Danach wurde ausgiebig getestet, wer wen hören kann. In dieser Zeit meldeten sich noch weitere Kinder an, die offensichtlich (auch) nicht pünktlich online waren. Der eigentliche Unterricht begann dann erst mit etwa 15 Minuten Verspätung.


Angeblich technische Probleme

Die meiste Zeit der Unterrichsstunde ging es um angebliche technische Probleme. Kinder, die eine Frage nicht beantworten konnten, gaben zur Antwort, dass sie die Frage nicht verstanden haben, weil der Ton ausgefallen sei. Der Lehrer entschuldigte sich daher permanent für sein "heute wohl schlechtes WLAN" und wiederholte jeweils ausführlich, was bis dahin gemacht, gesagt und gefragt wurde.


Admin-Rechte für Alle ???

Lehrer und alle Schulkinder hatten in der Unterrichtsstunde alle die gleichen Admin-Rechte. So konnten alle Schulkinder jeden anderen Teilnehmer der Stunde - einschließlich des Lehrers - blockieren oder sogar vom Unterricht abmelden. Vermutlich hatte der Lehrer bei seiner Einweisung in die Software gerade kein WLAN und hat das gar nicht bemerkt? Offensichtlich störte ihn das aber auch nicht ...


Keine Videoübertragung

Wegen angeblich nicht ausreichender Übertragungskapazität des Lehrers (!) wurde die Bildübertragung generell abgeschaltet. Die Folge: Alle Teilnehmer glotzten 45 Minuten lang auf einen grauen Bildschirm und sahen nur die Initialen der Teilnehmer in der Statuszeile. Nur drei Kinder hatten wenigstens Benutzerbilder.


Nebenbei auch noch Chatten

Weil einige Teinehmer den Lehrer angeblich nicht hören konnten, wurden "wichtige" Informationen zusätzlich auch per Chat ausgetauscht. So war der Lehrer primär mit Lesen und Schreiben beschäftigt und mit der Suche nach Handzeichen ... in der Statuszeile.


Nur 5 Minuten Lerninhalte

In den insgesamt 45 Minuten ging es nur 5 Minuten um wirkliche Lerninhalte. Die restliche Zeit wurde damit verbracht, angebliche technische Probleme einzelner Teilnehmer zu diskutieren und in der Weise zu "lösen", dass alle Probleme wiederholt beschrieben wurden. Am Ende bekamen die Schulkinder dann die Aufarbeitung der aus Zeitgründen nicht erbrachten Lerninhalte als Hausaufgabe.


Bis zu 9 Unterrichtsstunden pro Tag

Besonders motivierend, dass die Kinder bis zu 8 Stunden des Tages damit verbringen müssen, die gleichen technischen Probleme (kein WLAN, kein Ton, kein Internet ...) auch in Sport, Religion, Kunst oder sonstigen beim Homeschooling wohl eher nicht zu priorisierenden Fächern zu erlernen und zu vertiefen.


Berechtigte Beschwerden prallen ab

Wohl nachvollziehbar, dass viele Eltern sich damit nicht abfinden wollen und können, bis zu 9 Schulstunden am Tag neben ihren Kindern am PC verbringen zu müssen. Viele Lehrkräfte weisen jedoch jede Kritik zurück (das WLAN, Internet ... hat immer Schuld) und Schulleitungen stehen hinter ihren (überforderten) Lehrkräften und nehmen sogar konstruktive Verbesserungsvorschlage erst gar nicht an.


Mein Fazit

Durch den digitalen Unterricht wird auch für die Eltern sichtbar, welche Lehrkräfte absolut unfähig und mit der digitalen Welt hoffungslos überfordert sind. Die Schulleitungen müssten im Grunde ausnahmslos ALLE ihre Lehrkräfte in die Lage versetzen, Homeschooling überhaupt durchführen zu können, oder sie sollten überforderte und unfähige Lehrkräfte wenigstens davon befreien.

Es kann von 12-jährigen Kindern definitiv nicht erwartet werden, dass sie tatsächliche technische Probleme mit Software, Internet, Systemeinstellungen oder WLAN überhaupt lösen können. So müssen sich Elternteile auch noch die ganze Zeit neben ihre Kinder setzen, und die angeblichen technischen Probleme beseitigen.

Was nützt es, wenn die Eltern dafür sorgen, dass ihre Kinder einen vernünftigen Arbeitsplatz, gute Hardware und ein leistungsstarkes Internet haben, wenn diese Kinder dann nur stundenlang vor einem grauen Bildschirm sitzen und zuhören müssen, was andere angeblich für technische Probleme haben und absolut nichts dazulernen?

Schwarze Schafe gibt es überall und es werden auch vielerorts Fehler gemacht. Das ist vollkommen normal. Aber erkannte Fehler müssen auch beseitigt werden. Leider sind einzelne Schulen oder Lehrkräfte kritikresistent, und das ist insbesondere für die Kinder nicht gut!